Prüfungsfragen Staatsexamen
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Interview zur Präsenz der Rheumatologie an medizinischen Fakultäten und Unikliniken

„Das Klima ist rau geworden“ 

 

Sandra Wittig im Gespräch mit Prof. Dr. med. Gerd-Rüdiger Burmester

 

In der Kommission „Universitäre Rheumatologie“ der DGRh beschäftigen sich etablierte Lehrstuhlinhaber und mögliche Anwärter mit der Frage, wie Rheumatologie größere universitäre Präsenz erlangen kann. Die Ausbildung auf diesem Gebiet ist in Umfang und Qualität stark begrenzt, weshalb Medizinstudenten nur wenig mit der Rheumatologie in Berührung kommen. Interesse für die Facharztweiterbildung entsteht so kaum. Und selbst wenn - die Strukturen für eine gute fachärztliche Ausbildung gibt es nur an wenigen Kliniken. Die Folge wird sein, dass sich das bundesweite Defizit an Rheumatologen nicht bessert. Außerdem werden Allgemeinärzte nach ihrer Ausbildung immer schlechter für die Patienten gerüstet sein, die zur Hälfte ihr Wartezimmer füllen: Menschen mit rheumatischen Beschwerden. Ein Interview von Sandra Wittig mit Kommissionssprecher Professor Gerd Burmester.

 

 

Die beiden RISA-Studien* der DGRh haben ergeben: Medizinstudenten erhalten im klinischen Studienabschnitt, der über sechs Semester geht, durchschnittlich 13 Stunden Vorlesung und sechs Stunden Praktikum im Fach Rheumatologie. Wie beurteilen Sie diesen Lehrumfang?

 

Die Studien zeigen einen Durchschnitt. Unsere Kommission macht gerade eine Bestandsaufnahme, an welchen Fakultäten Lehrstühle für Rheumatologie existieren und wo somit Lehre in vollen Umfang stattfinden kann. Es gibt Fakultäten wie die Charite, in der die Rheumatologie einen großen Raum einnimmt. Aber es gibt andere, die keine erkennbare Rheumatologie anbieten. Das ist darauf zurückzuführen, dass die Rheumatologie an manchen Universitäten traditionell nicht entwickelt war. Lange Zeit war das nach Ansicht der Fakultätsmitglieder eine Sache der „heißen Quellen“ und anderer Heilmittel, die in Kurorten stattfand. Die Rheumatologie erhielt erst spät einen eigenen Schwerpunkt und entsprechende universitäre Strukturen. Eigene Lehrstühle mit C4- oder W3-Professur und einer entsprechenden Ausstattung, also mit Weiterbildungsermäch-tigung, poliklinischer Einrichtung, Bettenstation und eigener Forschungstätigkeit, gibt es in Deutschland nur an fünf von 30 Fakultäten. Selbst wenn man die nicht-eigenständigen rheumatologischen Abteilungen berücksichtigt, wo auch Ausbildung stattfinden kann, ist das insgesamt viel zu wenig.

 

 

Wie abhängig sind Umfang und Qualität der Lehre von der Eigenständigkeit eines Lehrstuhls bzw. dem Status einer Einrichtung?

 

In welcher Intensität und Form Lehre für ein Fach betrieben wird, ist abhängig von Personal und Strukturen. Beides muss ausreichend vorhanden sein. Das wiederum bestimmt in erster Linie der Lehrstuhlinhaber oder Leiter der Abteilung. Außerdem gibt er die Lehrinhalte vor. Ein junges Fach wie die Rheumatologie tut sich in diesen hierarchischen Strukturen schwer, sichtbar zu werden. Von den Universitäten kommen wenige Impulse, die Rheumatologie zu strukturieren. Meist wird sie einem anderen Bereich zugeordnet. Auch die Klinikverwaltungen haben wenig Interesse, da das Fach in den ambulanten Bereich geht. Ambulanzen und Polikliniken werfen aber keinen Profit ab.

 

 

Inwiefern kann die Vergütung der rheumatologischen Leistung ein Grund dafür sein, dass die Rheumatologie an den Unikliniken unterrepräsentiert ist?

 

Jedes Fach lässt sich schlecht rechnen – auch die Rheumatologie. Indem beispielsweise behauptet wird, es gebe zu wenig DRGs (diagnosespezifische Fallpauschalen zur Abrechnung in den Kliniken, Anm. d. Red.), die Patienten seien zu aufwendig, es ließe sich kein Gewinn machen. Das Klima ist sehr rau geworden. In den privatisierten Einrichtungen wird stark auf das wirtschaftliche Ergebnis geachtet, am Ende will kein Klinikum mit roten Zahlen da stehen. Aber: Die Rheumatologie kann kostendeckend betrieben werden - nicht mit mild kranken Patienten, sondern mit den schweren Fällen und indem man bestimmte Therapien anbietet wie Komplextherapie oder multimodale Schmerztherapie. Wenn aber kein Interesse besteht, Rheumatologie zu betreiben, dann ist es ein leichtes, sie schlecht zu rechnen - einfach indem man die Ressourcen anders verteilt.

 

Die Verwaltungsdirektoren an den meisten Universitätskliniken haben nur noch begrenztes Verständnis für universitäre Belange oder gar Ausbildung und Wissenschaft, sondern sehen den wirtschaftlichen Erfolg ihrer Krankenhäuser im Vordergrund.

 

 

Ihre Kommission will die Präsenz der Rheumatologie an den Universitäten verstärken. Wenn man sich den Semesterwochenplan eines Medizin-studenten ansieht, scheint es angesichts der Fülle und Parallelität der Kurse und Vorlesungen fast unmöglich, Strukturen zu verändern. Wie wollen Sie unter diesen Bedingungen vorgehen?

 

Das Medizinstudium muss eigentlich entschlackt werden. Es ist fraglich, ob Studenten das gesamte Spektrum an Fächern erlernen müssen, die sie als Allgemeinmediziner nur selten zu Gesicht bekommen. Wir können verlangen, dass der Rheumatologie auf Kosten seltener Disziplinen mehr Platz gewidmet wird.

 

 

Was wird der Weg sein?

 

Wir brauchen Druck von Seiten der Approbationsordnung. Diese muss zunächst die Bedeutung der Erkrankungen des Bewegungsapparates anerkennen und das in der Zahl der Stunden und Examensfragen widerspiegeln. Wir brauchen außerdem die Mithilfe der Patienten, die ihre Unterversorgung thematisieren. Und die Fakultäten müssen gezwungen werden, rheumatologischen Ausbildungsinhalten mehr Raum zu geben bzw. diese überhaupt aufzunehmen.

 

 

An welche Stellen müssen Sie adressieren, wenn Sie die Approbationsordnung ändern wollen?

 

Auf Basis der Bestandsaufnahme, dem Memorandum der DGRh (über die rheumatologische Versorgung von akut und chronisch Rheumakranken von 2008, Anm. d. Red.) und den beiden RISA-Studien soll ein Aktionsplan, eine Art Strategiepapier entstehen. Gemeinsam mit den Studentenvertretern, unserer Fachgesellschaft und der Deutschen Rheuma-Liga wollen wir an die Universitäten und Politiker herantreten, um rheumatologische Inhalte in die Unis zu bringen oder gute Einrichtungen, die parallel zur Universität bestehen, stärker einzubinden.

 

 

Welche anderen Möglichkeiten wird der Aktionsplan vorsehen?

 

Wichtig ist das Instrument der Stiftungslehrstühle. Es gibt ja mehrere erfolgreiche Beispiele, wie zum Beispiel in Lübeck-Bad Bramstedt. Das kann ein nachhaltiges Instrument sein, wenn Folgendes erfüllt ist: Erstens muss die Uni Interesse haben, die Rheumatologie aufzubauen oder den Druck bekommen, dass sie es tut. Zweitens muss es eine gute rheumatologische Einrichtung in vertretbarer Nähe geben. Und es muss drittens exzellente BewerberInnen geben, die sowohl den Ansprüchen der Fakultät als auch des Klinikträger genügen.

 

 

Welche Maßnahmen sollen 2010 verwirklicht sein?

 

Neben dem Aktionsplan werden wir beginnen, die konkreten Möglichkeiten von Stiftungsprofessuren auszuloten - zum Beispiel über Firmen, die solche fördern. Das ist für die Universitäten sehr attraktiv, weil es sie zunächst nichts kostet, maximal etwas Infrastruktur. Hier werden wir mit Firmen ins Gespräch kommen, um zu sehen, ob dieses Instrument noch verstärkt werden kann. Und wir werden Einrichtungen mit in das Stiftungslehrstuhlkonzept einbeziehen, wo Professoren sitzen, die den universitären Ansprüchen genügen. Diese Personen wollen wir fördern, wenn es um die Besetzung einer Stelle geht, wo der Vorgänger in Rente oder weg geht.

 

 

Die Maßnahmen scheinen nicht nach Schema F umsetzbar, sondern nur individuell. Das wird eine Menge Zeit und personellen Aufwand erfordern. Wie soll das gehen?

 

Das ist ein wichtiger Aspekt. Wir sind nur ein kleiner Haufen und jeder kümmert sich natürlich in erster Linie um die eigenen Belange. Ich glaube, wir werden Patenschaften bilden müssen, bei denen sich pro Bundesland ein Professor für die Belange an einer Universität einsetzt - dort, wo die größten Erfolgsaussichten bestehen. Sonst wird es sehr schwierig.
 



*) RISA-Studie I und II
(Rheumatologie - Integration in die studentische Ausbildung)

Die RISA-Studien hatten zum Ziel, den Umfang der Lehr- und Forschungstätigkeiten auf dem Gebiet der universitären Rheumatologie zu erheben. Die RISA-II-Studie ist eine Fortführung einer im Jahr 2002 durchgeführten Befragung und berücksichtigt die Veränderungen in der studentischen Ausbildung, die sich durch die neue Ärzteapprobationsordnung ergaben. Beide Erhebungen führte die DGRh-Kommision „Studentische Ausbildung“ (Leitung: Prof. Gernot Keyßer) durch.

 

Publikation:Keyßer G, Zacher J, Zeidler H (2004): Rheumatologie: Integration in die studentische Ausbildung - die RISA-Studie. Ergebnisse einer Datenerhebung zum aktuellen Stand der studentischen Ausbildung im Fach Rheumatologie an den deutschen Universitäten.
Z Rheumatol 63: 160-166, mehr

 

 

Sandra Wittig, 16.12.2009

RISA-Studie zur studentischen Ausbildung

 

Z Rheumatol 63: 160-166 (2004), mehr