Erstveröffentlichung März 2005 | zuletzt überprüft August 2024
Die Dermatomyositis (DM), die Polymyositis (PM) und die Einschlusskörperchen-Myositis (EKM) stellen die drei Hauptformen idiopathischer chronischer Myositiden dar1-3. Dermatomyositis und Polymyositis werden auch im Kindesalter beobachtet4. Die Inzidenz entzündlich-immunologischer Myositiden wird auf 5–7 pro 1 Mio Einwohner pro Jahr geschätzt2.
Es handelt es sich um potenziell lebensbedrohliche oder zu körperlicher Behinderung führende Erkrankungen, für die keine kausale Therapie zur Verfügung steht. Die Standardtherapie besteht in der Verabreichung von Glucocorticoiden, anfangs bei Erwachsenen und Kindern 1–2 mg pro kg Körpergewicht (KG) pro Tag, bei schwerer akuter Myositis eventuell Beginn als i.v.-Pulstherapie mit bis zu 15 mg Methylprednisolon pro kg KG pro Tag an drei aufeinander folgenden Tagen2, 5. Entweder von Anfang an zur Steroideinsparung oder wenn im Verlauf unter Glucocorticoiden keine ausreichende Effektivität oder unakzeptable unerwünschte Wirkungen wie schwere Osteoporose beobachtet werden oder wenn die Dosisreduktion bei hochdosierter Glucocorticoid-Dauertherapie nicht gelingt (nach drei Monaten Prednisolon noch >10 mg/Tag), wird mit zytotoxischen Substanzen kombiniert2, 5. Zur Verfügung stehen Methotrexat (bis 25 mg/Woche, bei Kindern bis 20 mg/qm Körperoberfläche (KOF)/ Woche), Azathioprin (maximal 150–200 mg/Tag, bei Kindern 2–3 mg/kgKG/Tag), Cyclosporin A (Erwachsene und Kinder bis 3,5 mg/kgKG/Tag) oder Cyclophosphamid (maximal 150 mg/Tag, bei Kindern keine ausreichenden Erfahrungen bei Dermatomyositis). Erweist sich die Erkrankung trotz mindestens sechsmonatiger, ausdosierter Therapie mit Glucocorticoiden und /oder zytotoxischen Medikamenten als therapieresistent (-> trotz Therapie progressive Muskelschwäche, persistierende Dermatitis und deutliche krankheitsbedingte Einschränkungen im Alltag6), so kann eine Behandlung mit i.v. Immunglobulinen (IVIG) versucht werden.
Herstellung
Die Herstellung der Immunglobulinpräparate erfolgt aus dem gepoolten Plasma gesunder Spender (> 2000 bis 100 000 Spender pro Charge) durch Alkoholfraktionierung mit nachfolgenden weiteren Reinigungsschritten wie Sulfonierung, Ultrafiltration oder Ionenaustausch-Chromatografie7. Nachdem zwischen 1993 und 1997 >200 Fälle von Infektionen mit Hepatitis C im Rahmen einer IVIGBehandlung berichtet worden waren8–21, wurden zusätzliche Reinigungsschritte eingefügt, u. a. Inkubation in saurem Milieu, Pasteurisation oder Hydrolase-/ Detergentien-Exposition.
Bei Verwendung von Produkten, die nach diesen Standards hergestellt sind, wurden seither keine weiteren Infektionen mit Hepatitis B und C bzw. mit HIV berichtet22–24. Eine Übertragung von anderen infektiösen Erkrankungen (z. B. Creutzfeldt-Jacob-Erkrankung) ist prinzipiell nicht auszuschließen, entsprechende Fälle wurden bislang aber nicht berichtet25–27.
Zusammensetzung und Pharmakokinetik
Die Präparationen enthalten bei 50 mg (Venimmun® je nach Auflösung 30 mg oder 60 mg/ml) Gesamtprotein pro Milliliter vor allem hochgereinigtes, polyvalentes IgG (80 bis >95%) und einen geringen Anteil an IgA (je nach Präparat 3–270 g/ml, Venimmun® bis 6,1 mg/ ml). Die Halbwertszeit beträgt bei Gesunden 20–25 Tage (Venimmun® 11–17 Tage)28, 29.
Therapeutischer Einsatz bei Autoimmunerkrankungen
Durch kontrollierte Studien belegte Wirksamkeit besteht für eine Reihe von Autoimmunerkrankungen, u. a. für das Guillain-Barré-Syndrom, für die Myasthenia gravis, das Kawasaki-Syndrom und die multiple Sklerose30–36. Folgende Anwendungsgebiete sind in Deutschland bislang zugelassen:
Immunmodulation
bei allogener Knochenmarkstransplation
Wirkungsmechanismen der IVIG-Therapie-Therapie
Eine eindeutige Zuordnung spezifischer Wirkungsmechanismen zu bestimmten Autoimmunerkrankungen ist bislang nicht möglich. Diskutiert werden verschiedene immunregulatorische Effekte, die bei unterschiedlichen Erkrankungen nach Art und Ausmaß variieren könnten. Im einzelnen werden diskutiert2, 37, 38
Mit schweren unerwünschten Wirkungen muss bei 1–2,5% der behandelten Patienten gerechnet werden28. Bei immerhin bis zu 10–50% der Patienten werden leichtere unerwünschte Reaktionen berichtet39. Insbesondere können während der ersten Stunde der Infusion Gesichtsrötung, Brust-Engegefühl, Rückenschmerzen, Übelkeit, Schüttelfrost, Fieber, Schwitzen, Kopfschmerzen und Blutdruckabfall beobachtet werden40. Je nach Schwere der Symptomatik muss die Infusionsgeschwindigkeit verlangsamt oder die Infusion gestoppt werden.
Anaphylaxie
Anaphylaktische Reaktionen sind selten und werden vorzugsweise bei Patienten mit selektivem IgA-Mangel beobachtet40, bei denen man gehäuft Antikörper gegen IgA findet41.
Akutes Nierenversagen
Gelegentlich im Zusammenhang mit IVIG-Therapie beobachtete Fälle von akutem Nierenversagen werden vorzugsweise bei Verwendung Saccharose-haltiger (-> zur Stabilisierung der Immunglobulinlösung) Immunglobulinpräparate gesehen und als osmotische Tubulusschädigung durch Aufnahme von Saccharose in die Zellen des proximalen Tubulus erklärt. Bis Mai 2002 wurden weltweit 114 Fälle berichtet42–45. Als Risikofaktoren werden vorbestehende Niereninsuffizienz, Diabetes mellitus, Hypovolämie, Übergewicht, nephrotoxische Begleitmedikation sowie ein Alter >65 Jahre angesehen. Bei Vorliegen von Risikofaktoren sollen keine Saccharose-haltigen Präparate verwendet werden45.
Hämolyse
In Einzelfällen wurden Coombs-Test-positive hämolytische Anämien beobachtet, insbesondere bei Infusion mit hohen Immunglobulin-Konzentrationen46–49. Diese Reaktionen werden mit dem Vorhandensein von Erythrozyten-Alloantikörpern wie Anti-D, Anti-A und Anti-B in der Immunglobulinpräparation erklärt.
Aseptische Meningitis
Nach Infusion großer Mengen von Immunglobulinen (≥1 g/kgKG/Tag) entwickeln sich selten aseptische Meningitiden. Bislang wurde über 30–40 Fälle berichtet, in einer Studie 11% (6 von 54) aseptische Meningitiden beobachtet50. Dabei bestand kein Zusammenhang mit der Infusionsgeschwindigkeit oder mit einer bestimmten Präparation. Klinisch treten starke und andauernde Kopfschmerzen auf. Bei der Liquoruntersuchung findet sich eine Pleozytose.
Thrombembolische Ereignisse
Im Zusammenhang mit IVIG-Therapie wurden in bis zu 2–3% der Patienten thrombembolische Ereignisse wie tiefe Venenthrombose, Schlaganfall und Myokardinfarkt berichtet39, 51–60. Als Risikofaktoren gelten: Patienten mit Anzeichen für zerebrale oder koronare Ischämie, Bluthochdruck, Alter >65 Jahre.
Infektionsübertragung
s.o. "Grundlagen der Behandlung mit IVIG-Therapie/Herstellung“.
Der Impferfolg von aktiven Schutzimpfungen mit abgeschwächten Lebendimpfstoffen wie Masern-, Röteln- oder Mumpsimpfstoffen kann herabgesetzt sein. Entsprechende Impfungen sollten frühestens drei Monate nach der letzten Immunglobulininfusion durchgeführt werden (s. Fachinformationen). Die Beurteilung serologischer Testergebnisse kann direkt nach IVIG-Gabe erschwert sein, insbesondere die Interpretation infektionsserologischer Befunde, des Coombstestes oder auch des ANA-Titers oder eines Rheumafaktornachweises.
A) Erwachsene
Dermato-/Polymyositis
Es liegen eine kontrollierte Studie mit 15 Patienten6 und mehrere Beobachtungsstudien vor:
Tabelle 1: Ergebnisse einer Placebo-kontrollierten Doppelblindstudie mit Blockrandomisierung
| 15 Patienten |
| 8/15 IVIG | 7/15 Placebo |
MRC-Score ↑ (p < 0,018) 5/8 erheblich besser 2/8 leichte Besserung 1/8 gleich | MRC-Score → (n.s.) 3/7 schlechter 2/7 leicht besser 2/7 unverändert |
NS-Score ↑ (7/8 auswertbar) (p < 0,035) 3/7 deutlich besser 4/7 leicht besser | NS-Score → (6/7 auswertbar) (n.s.) 2/6 leicht besser 4/6 schlechter |
| Freiwillige Cross-over Phase |
| Von IVIG-Therapie auf Placebo 4/8 | Von Placebo auf IVIG-Therapie 4/7 |
MRC-Score 2/4 besser 2/4 schlechter | MRC-Score 4/6 besser
|
NS-Score 2/4 gleich 2/4 schlechter | NS-Score 4/4 besser
|
Einschlusskörperchen-Myositis (EKM)
Soueidan & Dalakas hatten 1993 in einer Pilotstudie mit vier Patienten mit EKM zunächst ermutigende Resultate berichtet [64]. Auch in zwei aktuelleren Einzelfallberichten wurden positive Effekte gesehen65, 66. Diese günstigen Ergebnisse konnten von Amato et al. 1994 in einer offenen Studie mit neun Patienten nicht bestätigt werden67.
Weitgehende Klarheit über die fehlende Wirksamkeit einer monatlichen IVIG-Gabe bei EKM verschafften dann drei Studien mit insgesamt 77 Patienten68–70:
B) Kinder
Die Inzidenz der juvenilen DM/PM liegt bei 0,3/100 000/Jahr mit einem Verhältnis von DM zu PM von 10–20 zu 171. Im Unterschied zur DM/PM bei Erwachsenen stellt die Assoziation zu Malignomen eine Ausnahme dar. Lebensbedrohliche Situationen werden bei Kindern vorwiegend durch vaskulitische 106 Komplikationen im Bereich des Magen-Darm-Traktes (Blutung, Perforation) und durch Infektionen (Aspirationspneumonie, Immunsuppression) gesehen72–74. Zu den wichtigsten Langzeitproblemen gehören schwere funktionelle Einschränkungen infolge ausgeprägter Neigung zu Kontrakturen und Muskelatrophie sowie in bis zu 40% die Entwicklung von Kalzinosen (Subkutis, Muskulatur)73, 75, 76.
Für die juvenile DM/PM liegen bislang keine kontrollierten Therapiestudien für eine Behandlung mit IVIG vor. Derzeit läuft die Planung für eine multizentrische Studie auf europäischer Ebene im Rahmen der PRINTO (Pediatric Rheumatologic International Orgnaisation)
Die neun zwischen 1987 und 1999 veröffentlichten Fallberichte mit insgesamt zwölf Patienten (10x DM, 2x PM) zeigten positive Resultate77–85 und ermutigten zu weiteren Untersuchungen mit etwas größeren Fallzahlen:
Datenlage
Für Patienten mit DM liegt lediglich eine kontrollierte Studie mit niedriger Fallzahl (n=15) vor6. Für die PM fehlen kontrollierte Studien ebenso wie für die DM und PM im Kindesalter, wenn auch aus offenen Studien überwiegend positive Ergebnisse berichtet wurden. Dagegen belegen drei kontrollierte Studien die Unwirksamkeit einer IVIGTherapie bei EKM68–70, 89.
Dosierung, Dosisintervall, Therapiedauer
Dosisfindungsstudien und Studien, die ein optimales Intervall zwischen zwei Infusionszyklen definieren, fehlen bislang. Untersuchungen zur Festlegung einer optimalen Therapiedauer wurden bislang nicht durchgeführt. Unklar ist, inwieweit bzw. wie oft es im Therapieverlauf zu einem Wirkungsverlust kommen kann.
Vergleich verschiedener IVIG-Präparate
Generell geht man von ähnlicher Wirksamkeit der verschiedenen zur Verfügung stehenden IVIG-Produkte aus. Die vorliegenden Daten scheinen nicht auf Unterschiede hinzudeuten. Jedoch wurden für bestimmte Indikationen einschließlich der PM/DM entsprechende vergleichende Untersuchungen nicht durchgeführt.
Unerwünschte Wirkungen
Die IVIG PRäparate werden aus dem Plasma tausender „gesunder“ Spender hergestellt. Zwar konnte durch die Einführung zusätzlicher Reinigungsschritte das Infektionsrisiko deutlich gesenkt werden22–24. Dennoch bleibt ein „Restrisiko“ für die Übertragung von möglicherweise auch bislang unbekannten Infektionen. Ob eine Creutzfeld-Jacob-Erkrankung tatsächlich nicht übertragen werden kann, wird wegen der Latenz dieser Erkrankung mit größerer Sicherheit erst durch langjährige prospektive Beobachtung der betreffenden Patienten festzustellen sein25–27.
Kosten
Die Kosten einer IVIG-Therapie liegen bei monatlicher Applikation über denen der „Biologicals“.
Die Dermatomyositis und Polymyositis im Erwachsenen- und im Kindesalter sprechen in der Regel gut auf Glucocorticoide und/oder immunsuppressive Substanzen an. Bei therapieresistenten, schweren Verläufen, bei Unverträglichkeit oder bei Kontraindikationen der Standardtherapie können Infusionen von Immunglobulin-Präparaten eingesetzt werden. Angesichts der mäßigen Datenlage bei hohen Kosten soll die Indikation streng gestellt werden. Indikationsstellung und Durchführung der Therapie setzen entsprechende Erfahrungen voraus. Bei der Einschlusskörperchen-Myositis ist eine Therapie mit Immunglobulininfusionen nicht indiziert.