Aktuelles | 15. Juni 2026
Die Kommission „Impfungen und Infektionen bei rheumatischen Erkrankungen“ der DGRh hat Empfehlungen für die Reisesaison 2026 für Menschen mit entzündlich-rheumatischen Erkrankungen (ERE) entwickelt. Die kompakte Handreichung soll Ärztinnen und Ärzten in Klinik und Praxis als Entscheidungshilfe für die aktuelle Impfsaison dienen.
Es wird in diesem Positionspapier auf folgende Punkte eingegangen:
Warum sind Impfungen bei ERE besonders wichtig?
Menschen mit ERE weisen aufgrund ihrer Grunderkrankung und der damit verbundenen medikamntösen Therapie häufig eine Abschwächung der Immunantwort auf. Entsprechend kommt dem Thema Infektionsschutz in der rheumatologischen Versorgung auch in der Reisemedizin eine zentrale Bedeutung zu.
Die Basis stellen Mückenschutzmaßnahmen wie DEET (Diethyltoluamid)-haltige Repellentien, imprägnierte Moskitonetze oder helle, bedeckende Kleidung insbesondere bei der Übertragung von Vektorerkrankungen dar.
Das Infektionsrisiko wird wesentlich durch die Kontrolle der ERE, die Schwere der ERE sowie die Intensität der immunsuppressiven Therapie bestimmt. Eine optimale Krankheitskontrolle ist die Grundlage für die Risikoreduktion von Infektionen. Impfungen können helfen, diese Defizite auszugleichen. Sie senken nicht nur das Risiko für akute und schwerwiegende Infektionen, sondern auch für mögliche Spätfolgen, etwa kardiovaskuläre Erkrankungen nach einer Infektion. Impfungen führen nach aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen nicht zu einer erhöhten Rate von schweren Krankheitsschüben; Totimpfungen gelten diesbezüglich als sicher.
Mit Beginn der Reisesaison weist die Kommission insbesondere auf die unten aufgeführten Impfungen hin. Für Menschen mit ERE wurden an einzelnen Stellen ergänzende Kommentare formuliert, die auf der spezifischen Expertise der Kommission basieren und als Expertenmeinung kenntlich gemacht sind. Die Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO) sind dabei teilweise verkürzt aufgeführt. Die ausführliche Darstellung findet sich u.a. im Epidemiologisches Bulletin 14 |2025 des Robert-Koch-Instituts (Stand 3. April 2025).
Folgendes wird für den Einsatz von Impfungen bei entzündlich-rheumatischen Erkrankungen (ERE) empfohlen:
Eine reisemedizinische Beratung sollte frühzeitig, mindestens 4-6 Wochen vor Reiseantritt (je nach Reiseziel, besonders wenn Lebendimpfungen erforderlich sind, auch deutlich früher (mindestens 4 Monate vorher!) erfolgen, um ausreichend Zeit für Impfungen und eventuelle Grundimmunisierungen und ggf. Therapieanpassungen zu haben.
Der Einsatz von Totimpfstoffen, proteinbasierten Impfstoffen und mRNA-Impfstoffen ist unter immunmodulierenden/immunsuppressiven Therapie möglich. Der klinische Nutzen einer Pausierung der immunmodulierenden/ immunsuppressiven Therapie ist nicht belegt, so dass diese nicht pauschal zu empfehlen, sondern im Einzelfall zu erwägen ist.
Sollten Lebendimpfstoffe erforderlich oder empfehlenswert sein, ist in der Regel ein Pausieren der immunmodulierenden/immunsuppressiven Therapie erforderlich. Die Dauer richtet sich dabei nach den eingesetzten Therapeutika.
Die Empfehlungen zu den einzelnen Impfungen sind alphabetisch angeordnet.
| Chikungunya-Impfung | |
| STIKO-Empfehlung | Indikation: Impfstoffe (Einzeldosis, beide ab 12 Jahren zugelassen): |
| Kommentar | Eine Chikungunya-Infektion kann zu einer chronischen Arthritis führen, die klinisch einer rheumatoiden Arthritis ähnelt und über Monate bis Jahre persistieren kann, so dass eine Vermeidung dieser Infektion insbesondere bei Menschen mit ERE relevant erscheint. Eignung bei ERE: Da es sich bei Vimkunya® um einen Totimpfstoff handelt, kann dieser sicher bei Personen unter Immunmodulation/Immunsuppression angewendet werden. Anmerkung zur Epidemiologie: Chikungunya breitet sich immer weiter aus. Es ist davon auszugehen, dass in naher Zukunft auch im deutschsprachigen Raum autochthone Chikungunya-Fälle auftreten können, insbesondere durch die Ausbreitung der Überträgermücken Aedes albopictus und Aedes aegypti. Mehrere autochthone Ausbrüche in europäischen Ländern sind bereits dokumentiert (z.B. Frankreich, Italien). |
| Cholera/(ETEC/Reisediarrhoe)-Impfung | |
| STIKO-Empfehlung | Indikation: Impfstoffe: Impfschema des Totimpfstoffs: |
| Kommentar | Eignung bei ERE: Der Lebendimpfstoff ist unter Immunmodulation/Immunsuppression kontraindiziert, insofern wird für Personen mit ERE der Totimpfstoff empfohlen. Aufgrund der geringen Evidenz zur Wirkung bei Reisediarrhoe werden beide Impfstoffe nicht als klassische Reiseimpfung empfohlen. In Ausnahmefällen (z.B. bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen) kann eine Impfung jedoch sinnvoll sein. |
| Dengue-Impfung | |
| STIKO-Empfehlung | Indikation: Impfstoff: |
| Kommentar | Eignung bei ERE: Da es sich bei Qdenga® um einen Lebendimpfstoff handelt, ist die Dengue-Impfung bei Personen mit angeborener oder erworbener Immundefizienz bzw. unter immunmodulierender/ immunsuppressiver Therapie grundsätzlich kontraindiziert. Es wird deswegen empfohlen eine Reise in betroffene Gebiete kritisch zu überdenken. Zudem wird empfohlen, dass vor einer Reise in Endemiegebiete sowohl eine rheumatologische Vorstellung als auch eine Vorstellung in einem tropenmedizinischen Zentrum erfolgt, um sich bezüglich des aktuellen Risikos und der Notwendigkeit der Impfung beraten zu lassen. |
| FSME-Impfung | |
| STIKO-Empfehlung | Indikation: Impfstoffe: |
| Kommentar | Eignung bei ERE: Allen Personen mit ERE unter immunmodulierender/immunsuppressiver Therapie wird bei möglicher Exposition eine Impfung gegen FSME empfohlen. - Der Impfschutz kann niedriger ausfallen. Deswegen wird eine Expositionsprophylaxe (z.B. tragen geeigneter Kleidung) besonders empfohlen. Dies gilt insbesondere für Kinder. |
| Gelbfieber-Impfung | |
| STIKO-Empfehlung | Indikationen: Impfstoff Stamaril®: |
| Kommentar | Eignung bei ERE: Bei Personen unter relevanter Immunmodulation/ Immunsuppression, die zwingend in ein Endemiegebiet reisen müssen, ist ein ‚Exemption Certificate' (Impfbefreiungszertifikat) durch eine Gelbfieber-Impfstelle auszustellen. Dieses Zertifikat garantiert jedoch nicht die Einreise. Eine intensive Beratung zum Mückenschutz (Expositionsprophylaxe) ist hier essenziell. Bei Personen unter Immunmodulation/Immunsuppression kann die Schutzdauer verkürzt sein. Falls die (erste) Gelbfieberimpfung unter Immunmodulation/Immunsuppression erfolgte, sollte vor erneuter Exposition eine 2. Impfstoffdosis appliziert werden (unter den genannten Sicherheitsempfehlungen), auch wenn die erste Impfung vor weniger als 10 Jahren erfolgte (Mindestabstand aber 28 Tage). Nach STIKO ist eine serologische Testung auf das Ansprechen nicht empfohlen. |
| Hepatitis A und B | |
| STIKO-Empfehlung | Indikation: Hepatitis B: Impfstoffe (Totimpfstoffe): |
| Kommentar | Indikation bei ERE: Titer-Zielwert: Non-Response: Titer-Kontrolle / Auffrischungen: |
| Japanische Enzephalitis-Impfung | |
| STIKO-Empfehlung | Indikation: Impfstoff: Ixiaro® (Totimpfstoff) |
| Kommentar | Eignung bei ERE: Der Totimpfstoff (Ixiaro®) ist bereits seit 2009 als einziger Impfstoff in Deutschland für Erwachsene und seit 2013 für Kinder > 2 Monate zugelassen, der generell als sicher und gut verträglich gilt, auch für Personen mit Immundefizienz oder unter immunmodulierender/ immunsuppressiver Therapie. |
| Malariaprophylaxe | |
| RKI/DTG-Empfehlungen | Indikation: Besonderheiten der Antimalariamittel Atovaquon/Proguanil (Malarone, Generika): - Häufig das Mittel der Wahl für Personen mit ERE aufgrund der guten Verträglichkeit. Es sind kaum klinisch relevante Interaktionen mit gängigen immunmodulierenden Substanzen bekannt. Doxycyclin (Generika): Mefloquin (Lariam, Generika): Chloroquin/Hydroxychloroquin: |
| Kommentar | Erhöhtes Risiko: Keine Impfung für Reisende / Aspekte zur Prophylaxe und Notfallselbsttherapie für Reisende mit ERE: Expositionsschutz: Aufgrund der potenziell erhöhten Infektanfälligkeit und Schwere des Verlaufs unter Immunmodulation/Immunsuppression muss der Mückenschutz (Repellents mit DEET/Icaridin, imprägnierte Moskitonetze, helle Kleidung) mit großer Sorgfalt durchgeführt werden. |
| Meningokokken-Impfung | |
| STIKO-Empfehlung | Indikation: Personen mit einer angeborenen oder erworbenen Immundefizienz (z.B. Komplement-/Properdindefekte, Eculizumab- oder Ravulizumab-Therapie, Hypogammaglobulinämie, Asplenie) Reisende in Länder mit epidemischen Vorkommen, besonders bei engem Kontakt zur einheimischen Bevölkerung (z.B. Entwicklungshelfer:innen, Katastrophenhelfer:innen und medizinisches Personal) und behördliche Vorschrift für die Einreise nach Saudi-Arabien zur Hadj/Umrah. Vor Langzeitaufenthalten sollten Kinder und Jugendliche sowie Personen in Studium und Ausbildung eine Impfung gegen MenACWY entsprechend der Empfehlung der Zielländer erhalten. Impfung gegen Meningokokken der Serogruppe B (MenB): mit einer angeborenen oder erworbenen Immundefizienz sowie Reisende in Länder mit epidemischen Vorkommen, besonders bei engem Kontakt zur einheimischen Bevölkerung (z.B. Entwicklungshelfer:innen, Katastrophenhelfer:innen und medizinisches Personal). Vor Langzeitaufenthalten sollten Kinder und Jugendliche sowie Personen in Studium und Ausbildung eine Impfung gegen MenB entsprechend der Empfehlung der Zielländer erhalten.
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| Kommentar | Eignung bei ERE: Die zur Verfügung stehenden Impfstoffe gegen MenACWY und MenB sind Konjugatimpfstoffe bzw. rekombinante Impfstoffe und können bei ERE unter Immunmodulation/Immunsuppression eingesetzt werden. Vor allem bei Vorliegen eines Immundefekts oder einer Therapie mit Komplementinhibitoren werden die Impfungen gegen MenACWY und MenB empfohlen. |
| Mpox | |
| STIKO/RKI-Empfehlung | Indikation: Impfstoff: Imvanex® (nicht-vermehrungsfähiger Lebendimpfstoff) Effektivität unter Immunmodulation/Immunsuppression: Postexpositionelle Prophylaxe (PEP): |
| Kommentar | Eignung bei ERE: Schwere Verläufe: Kontext als „Reiseimpfung": Behandlungsoptionen bei Infektion: |
| Tollwut-Impfung | |
| STIKO-Empfehlung | Indikation: Impfstoffe: Rabipur und Verorab |
| Kommentar | Eignung bei ERE: Die präexpositionelle Impfung mit drei Impfstoffdosen führt bei Immunkompetenten zu einer Boosterfähigkeit, die Jahrzehnte, ggf. lebenslang anhält. Die STIKO verweist zurecht darauf, dass der Impferfolg dieser PrEP bei Immundefizienz eingeschränkt sein kann, weshalb eine Antikörperbestimmung ca. 2–4 Wochen nach Abschluss der konventionellen Impfserie (Tag 0, 7, 21–28) empfohlen wird. Wenn die Konzentration der neutralisierenden Antikörper unter 0,5 I.E./ml liegt, sollte eine zusätzliche Impfstoffdosis vor der Reise verabreicht und der Impferfolg erneut kontrolliert werden. Im Falle einer Exposition ≥ Grad II (nicht blutende, oberflächliche Kratzer oder Hautabschürfungen, Lecken oder Knabbern an der nicht intakten Haut) müssen bei Immundefizienz eine PEP mit entsprechender Anzahl von Impfstoffdosen und die Verabreichung von Immunglobulin unverzüglich erfolgen. |
| Typhus-Impfung | |
| STIKO-Empfehlung | Indikation: Impfstoffe: Impfschema bei Totimpfstoff: |
| Kommentar | Eignung bei ERE: Da sowohl ein Lebend- als auch ein Totimpfstoff zur Verfügung steht, wird für Personen mit ERE der Totimpfstoff empfohlen. |
Umgang mit Medikamenten (z.B. Kühlkette)
Empfehlung
Dieser Absatz bezieht sich auf Medikamente, die bei der Behandlung rheumatischer Erkrankungen regelhaft eingesetzt werden. Für alle Medikamente sollten unter Berücksichtigung der Einreisebestimmungen des Ziellandes ärztliche Bescheinigungen, idealerweise mehrsprachig, mitgeführt werden. Für die meisten Wirkstoffe bieten die Hersteller geeignete Vordrucke an.
Sofern die Situation eintreten sollte, dass ein Medikament im Ausland beschafft werden muss, so geht dies zumeist nur über einen dortigen Arztbesuch. Ob diese aber bereit sind, hochpreisige Medikamente zu rezeptieren, lässt sich vorher oft nicht herausfinden. Deutsche Kassenrezepte werden in den meisten Nicht-EU-Ländern nicht akzeptiert. Innerhalb der EU ist die Einlösung grundsätzlich möglich, in der Regel auf Selbstzahlerbasis. Es können entsprechend hohe Kosten entstehen.
Bezüglich aller oral applizierten Medikamente kann der Transport in der jeweiligen Verpackung unkompliziert erfolgen. Fast immer findet sich der Hinweis vor Hitze schützen. Als Faustregel sollte eine Erwärmung über 30 °C vermieden werden. Zudem besteht regelhaft der Hinweis vor Licht schützen.
Biologika als Fertigarzneimittel sind gekühlt zu lagern. Die empfohlenen Temperaturen liegen zwischen 2 und 8 °C. Einfrieren muss vermieden werden. Für wenige der Biologika ist eine Unterbrechung der Kühlkette nicht untersucht, bzw. wird nicht empfohlen. Sie dürfen nur unmittelbar vor der Anwendung auf Raumtemperatur gebracht werden. Dies sind Abatacept und Guselkumab. Für diese Medikamente sollte eine durchgehende Einhaltung der Kühlkette auch auf Reisen sichergestellt werden. Neben geeigneten Kühltaschen bieten die meisten Verkehrsmittel, z.B. auch Flugzeuge die Möglichkeit der gekühlten Einlagerung.
Bezüglich der übrigen Biologika ist eine Aufbewahrung lichtgeschützt und bei Temperaturen zwischen maximal 25 und 30 °C, je nach Präparat über unterschiedliche Zeiträume möglich. Für Belimumab, Risankizumab, Izekizumab und Anakinra sind die angegebenen Zeiten außerhalb der Kühlung kurz, was bei der Reiseplanung zu berücksichtigen ist. Eine Übersicht hierzu gibt die unten genannte Tabelle.
Nach Ausschöpfung der angegebenen Zeit bei Raumtemperatur sollte keine erneute Kühlung erfolgen, da bei wiederholten Kühlzyklen Stabilitätsprobleme befürchtet werden. In solchen Fällen ist ein Verwerfen des Medikamentes angezeigt und wird zum Teil auch explizit empfohlen.
Biologika – Haltbarkeit auf Reisen ohne Kühlung
| Wirkstoff | Applikation | Haltbarkeit ohne Kühlung | Bedingungen |
|---|---|---|---|
| Abatacept | s.c. | Keine | |
| Adalimumab | s.c. | Bis 14 Tage | ≤25 °C |
| Anakinra | s.c. | Bis 72 Stunden | ≤25 °C |
| Belimumab | s.c. | Bis 12 Stunden | ≤25 °C |
| Bimekizumab | s.c. | Bis 25 Tage | ≤25 °C |
| Canakinumab | s.c. | Bis 14 Tage | ≤30 °C |
| Certolizumab | s.c. | Bis 10 Tage | ≤25 °C |
| Etanercept | s.c. | Bis 4 Wochen | ≤25 °C |
| Golimumab | s.c. | Bis 30 Tage | ≤25 °C |
| Guselkumab | s.c. | Keine | |
| Ixekizumab | s.c. | Bis 5 Tage | ≤30 °C |
| Mepolizumab | s.c. | Bis 7 Tage | <30 °C |
| Risankizumab | s.c. | Bis 24 Stunden | ≤25 °C |
| Sarilumab | s.c. | Bis 14 Tage | ≤25 °C |
| Secukinumab | s.c. | Bis 4 Tage | ≤30 °C |
| Tocilizumab | s.c. | Bis 2 Wochen | ≤30 °C |
| Ustekinumab | s.c. | Bis 30 Tage | ≤30 °C |
Die Informationen sind der jeweiligen aktuellen Fassung der EMA-Dokumentation entnommen und beziehen sich jeweils auf das Originalpräparat. Die Haltbarkeit ohne Kühlung kann bei Biosimilars abweichen.
Laut Herstellerempfehlung sollte nach Unterbrechung der Kühlung keine erneute Kühlung erfolgen.
Quelle (z.B.) Stand 2. Feb. 2026
https://www.ema.europa.eu/en/documents/product-information/orencia-epar-product-information_en.pdf
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