1927 war ein Jahr der Aufbrüche: Martin Heidegger verfasste seine existentialistische Philosophie „Sein und Zeit“, Hermann Hesse schrieb den „Steppenwolf“, der Amerikaner Charles Lindbergh überquerte im Nonstopflug den Atlantik und die Welt lauschte dem ersten Tonfilm „Der Jazzsänger“ mit Al Jolson.
In diese schwungvolle Zeit fällt die Geburtsstunde der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie (DGRh), die am 28. Januar 1927 im damals schlesischen Schreiberhau gegründet wurde. Erster Vorsitzender der Gesellschaft war Professor Dr. Eduard Dietrich, Geheimer Obermedizinalrat und Ministerialdirektor im Reichsgesundheitsamt in Berlin.
Nach Ansicht seiner Biographen verkörperte Dietrich den typisch vornehmen, liebenswürdigen und klugen hohen preußischen Beamten. Spuren hinterließ er in vielen Bereichen des Gesundheitswesens: Er setzte eine moderne Hebammenverordnung durch und reorganisierte den Säuglingsschutz und die „Krüppelfürsorge“. Im Ministerium baute er das Referat Sozialhygiene auf, führte die staatliche Prüfung für Krankenpflegepersonen ein und verbesserte Krankentransport- und Rettungswesen. Im ersten Weltkrieg war er Leiter eines Lazarettzuges und förderte später die Rehabilitation von Kriegsverletzten.
Die Bedeutung, die Dietrich in der Rheumatologie erlangte, erwuchs aus seiner langjährigen Verantwortlichkeit für das deutsche Kur- und Bäderwesen. Am Ministerium leitete er ab 1912 die Zentralstelle Balneologie e. V. und gab mehrere Bände des „Balneologischen Handbuches“ heraus. Nach dem ersten Weltkrieg rief er die kriegsbedingt stillgelegte, 1889 gegründete „Balneologische Gesellschaft Deutschlands“ wieder ins Leben, quasi die Muttergesellschaft der Rheumatologen. Er wurde ihr erster Nachkriegspräsident.
In den nächsten Jahren verfolgte Dietrich das ehrgeizige Ziel, eine internationale Gesellschaft für Rheumabekämpfung auf die Beine zu stellen und Studien über rheumatische Erkrankungen in verschiedenen Ländern systematisch zu betreiben. Einen Vorschlag dazu hatte der holländische Kollege Jan van Breemen bereits 1913 auf dem internationalen Kongress für Physiotherapie in Berlin unterbreitet, doch der Ausbruch des ersten Weltkrieges durchkreuzte die Pläne. So nahm die internationale Kooperation erst Mitte der 20er Jahre konkrete Züge an: Zusammen mit dem Engländer R. Fortescue Fox, London, setzte Dietrich die Gründung einer Internationalen Liga gegen Rheumatismus (ILAR) durch. Fox übernahm die Präsidentschaft, Dietrich und J. Forestier aus Paris wurden Vizepräsidenten.
Die Konstitution der Deutschen Sektion der Liga erfolgte am 28. Januar 1927 in Schreiberhau und war der Geburtstag der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie (DGRh), die damals noch Deutsche Gesellschaft für Rheumabekämpfung hieß. Die Gründung der neuen Gesellschaft fand im Hotel Josephinenhütte statt, von der es in einem Reiseführer von 1923 heißt: „…in schöner Waldlage, gutes Restaurant…“. Zum festlichen Rahmenprogramm zählten ein schlesisches Kretschamfest und eine Hörnerschlittenpartie nach Harrachsdorf (heute Harrachov) in Böhmen. Dietrich wurde einstimmig zum Vorsitzenden der neuen Gesellschaft gewählt.
Auch die anderen Herren des neuen Vorstandes waren illustre Mitglieder der damaligen deutschen und insbesondere Berliner Medizin-Elite und sind als „Wegbereiter der Rheumatologie“ in die Geschichte der Gesellschaft eingegangen. Einige Beispiele:
Am 24. September 1927 wurde die neu gegründete Gesellschaft in das Vereinsregister des Amtsgerichts Berlin-Mitte eingetragen. Dietrich widmete sich fortan ausschließlich der Rheumatologie und ihrer neu geschaffenen Organisation. 1928 hatte die Gesellschaft bereits über 60 korporative Mitglieder, darunter 3 Preußische Ministerien, praktisch alle Landesversicherungsanstalten und die Magistrate vieler Städte, insbesondere Kurorte. Die Zahl der Einzelmitglieder wuchs allein von Mai bis November 1928 von ca. 120 auf 220.
Zwischen 1928 und 1932 organisierte Dietrich nicht weniger als 7 Tagungen der Gesellschaft. Die 7. und letzte unter seinem Vorsitz fand am 7. Dezember 1932 in Berlin statt. Die Zäsur kam schnell und grausam: Am 30. Januar 1933 übernahmen die Nationalsozialisten die Macht in Deutschland. Eduard Dietrich und der Jude Max Hirsch legten ihre Ämter nieder.
Nach dem Krieg ging auch die Rheumatologie in Deutschland getrennte Wege:
Die Kollegen aus beiden Staaten begegneten sich auf den innerdeutschen und internationalen Kongressen – soweit sie von den ostdeutschen Kollegen besucht werden durften – stets fair, freundschaftlich und sogar herzlich.
So verlief auch die Wiedervereinigung auf fachlicher Ebene im Jahre 1990 harmonisch und ohne Misstöne (was durchaus nicht bei allen Fachgesellschaften der Fall war!). Die in den Jahren zuvor gesammelten Erfahrungen aus unterschiedlichen Gesundheitssystemen flossen in den seit 1991 geförderten Aufbau der Regionalen Kooperativen Rheumazentren ein und kommen auch den Beratungen in den verschiedenen Kommissionen und Arbeitskreisen der Gesellschaft zugute. Die Rheumazentren sind auch die Basis der Patientenversorgung im Kompetenznetz Rheuma, einem Verbund aus Forschungs- und Versorgungseinrichtungen in der Rheumatologie, der seit Ende 1999 vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert wird.
Zum 75. Geburtstag im Jahr 2002 hat die Deutsche Gesellschaft für Rheumatologie ca. 1140 Mitglieder, was ziemlich genau der Zahl der in Deutschland tätigen klinischen und niedergelassenen Rheumatologen entspricht. Präsident ist zu dieser Zeit Professor Dr. Gerd-Rüdiger Burmester, Direktor der Medizinischen Klinik mit Schwerpunkt Rheumatologie und Klinische Immunologie der Charité, Berlin.