Therapie des Sjögren-Syndroms: Behandlung der extraglandulären Manifestationen

01.04.2022

Extraglanduläre Manifestationen des primären Sjögren-Syndroms (pSS), wie z.B. Arthritis, Vaskulitis, interstitielle Lungenerkrankungen oder neurologische Manifestationen betreffen bis zu der Hälfte der Patienten mit pSS. Es gibt für keine der individuellen Manifestationen Placebo-kontrollierte therapeutische Studien. Immerhin werden im Aktivitätsscore ESSDAI die meisten der typischen extraglandulären Manifestationen des Sjögren-Syndroms erhoben. Es ist daher im Rahmen der aktuell vielen laufenden Studien in Zukunft möglich, Informationen zum Ansprechen des Sjögren-Syndroms insgesamt, aber auch einzelner Manifestationen des Sjögren-Syndroms, zu gewinnen.

Da es derzeit aber noch keine solche Therapiestudien gibt, beruhen die letzten Empfehlungen der EULAR zum Management der extraglandulären Manifestationen auf der Erfahrung und Meinung von Experten und ggf noch auf Daten aus kleineren Fallserien (1).

In den EULAR-Empfehlungen (1) wurden hinsichtlich der extraglandulären Manifestationen folgende generelle Empfehlungen ausgesprochen:

  1. Die Behandlung sollte sich an der Schwere der jeweiligen Organmanifestationen orientieren
  2. Die Dosis der Glucocorticoide sollten nur so hoch wie unbedingt nötig sein, und die Therapiedauer möglichst kurz
  3. Immunsuppressiva sollten hauptsächlich zum Einsparen an Glucocorticoiden verordnet werden. Es gibt keine Studien, anhand derer ein Immunsuppressivum gegenüber anderen bevorzugt werden könnte
  4. Gegen B-Zellen gerichtete Therapie können bei Patienten mit schwerer, refraktärer systemischer Erkrankung erwogen werden.
  5. Der therapeutische Algorithmus der Behandlung systemischer Organmanifestationen kann als generelle Regel in der Sequenz Glucocorticoide, Immunsuppressiva (ggf auch schon initial in Kombination mit Glucocorticoiden) und anschließend Biologika bestehen

Auch wenn die Task Force der EULAR mangels vergleichender Studien keine bevorzugten Immunsuppressiva für die Therapie aller Manifestationen des Sjögren-Syndroms identifizieren konnte, wurden basierend auf Erkenntnissen aus retrospektiven Studien doch Präferenzen für einzelne, im ESSDAI aufgeführte und definierte, Organmanifestationen benannt:

ManifestationTherapie: Stufe 1Stufe 2Stufe 3 / Rescue
Akute Schwellung großer SpeicheldrüsensymptomatischGCRituximab / Belimumab
Gelenkbeteiligung
ArthralgienNSAIDs  
OligoarthritisNSAIDs und HCQWie bei Polyarthritis 
PolyarthritisHCQ und GC 0,5 mg/kgOrale Immunsuppressiva (meist wird MTX verwendet, Alternativen Leflunomid bzw. Azathioprin)Rituximab oder Abatacept
Hautbeteiligung
Erythema anulare: begrenztTopische GCHCQ und/oder GCAndere Antimalariamittel mit/ohne GC
Erythema anulare: diffusHCQ und/oder GCAndere Antimalariamittel mit/ohne GC 
Cutane Vaskulitis: limitiert (z.B. mit Purpura an Füßen und Knöcheln)GC 0,3 mg/kgBei fehlendem Ansprechen wie diffuse Form 
Cutane Vaskulitis: diffuse Hautbeteiligung, mit UlceraGC 0,5–1 mg/kgOrale Immunsuppressiva oder RituximabCyclophosphamid +/- Plasmapherese
Lungenbeteiligung
Bronchiale BeteiligungInhalativa, symptomatisch (z.B. antibiotisch), GC bei interstitieller Lungenerkrankungbei fehlendem Ansprechen weiter wie bei interstitieller Lungenerkrankung 
Interstitielle Lungenerkrankung (Dyspnoe bei Belastungen NYHA II) oder pathologische Ergebnisse der Lungenfunktionstests (DLCO 40–70% oder FVC 60–80%)GC 0,5 mg/kgOrale Immunsuppressiva (meist Azathioprin, Alternativen MMF oder CsA)Cyclophosphamid oder Rituximab
Interstitielle Lungenerkrankung mit hohem Schweregrad (Dyspnoe in Ruhe NYHA III/IV, DLCO <40% oder FVC <60%)GC 0,5–1 mg/kgOrale Immunsuppressiva (wie oben)Cyclophosphamid +/- Rituximab
Nierenbeteiligung (tubulär oder glomerulär)
Im ESSDAI als mild gewertet (z.B. milde Tubuläre Azidose oder Niereinsuffizienz ohne glomeruläre Beteiligung)Symptomatisch, bei fehlendem Ansprechen weiter wie bei moderater Beteiligung  
Moderat aktive Nierenbeteiligung (ESSDAI >=1): glomeruläre oder tubuläre BeteiligungGC 0,5 mg/kgOrale Immunsuppressiva (Azathioprin, CsA, MMF), bei fehlendem Ansprechen weiter wie bei schwerer Beteiligung in 2nd line 
Hoch aktive Nierenbeteiligung laut ESSDAIGC 0,5–1 mg/kgCyclophosphamid oder RituximabPlasmapherese
Periphere Neuropathie
MultineuritisGC 0,5–1 mg/kgOrale Immunsuppressiva oder RituximabCyclophosphamid +/- Plasmapherese
Sensitive axonale PolyneuropathieSymptomatisch, bei fehlendem Ansprechen weiter wie bei motorischer axonaler Neuropathie  
Motorische axonale Neuropathie / CIDP / GanglionopathieIVIgMethylprednisolon-Puls erwägenCyclophosphamid erwägen
ZNS Beteiligung
ZNS-Vaskulitis / NMOSDGC 0,5–1 mg/kgRituximab*Cyclophosphamid, Eculizumab bei NMOSD, Aquaporin-4-Antikörper erwägen
Lymphozytäre MeningitisSymptomatisch. Bei fehlendem Ansprechen und enzephalitischer Manifestation weiter wie bei ZNS-Vaskulitis / NMOSD  
MS-ähnliche ErkrankungMS-Therapien erwägen  
Hämatologische Beteiligung
Neutropenie (<500/µl)G-CSF erwägen  
Immunthrombozytopenie (<20.000/µl)GC 0,5–1 mg/kgBei fehlendem Ansprechen weiter wie bei hämolytischer Anämie mit Hb <8 g/dl 
Hämolytische Anämie mit Hb 8–10 g/dlGC 0,5–1 mg/kgBei fehlendem Ansprechen weiter wie bei Hb <8 g/dl 
Hämolytische Anämie mit Hb <8 g/dlGC + IVIgRituximabPlasmapherese oder Cyclophosphamid

Abkürzungen

CIDP = chronisch-inflammatorische demyelinisierende Polyneuropathie

CsA = Cyclosporin A

GC = Glucocorticoide

HCq = Hydroxychloroquin

IVIg = intravenöse Immunglobuline

MMF = Mykophenolat Mofetil

MTX = Methotrexat

NMOSD = Neuromyelitis optica Spectrum-Erkrankung

NSAIDs = nicht-steroidale Antirheumatika (engl. non-steroidal anti-inflammatory drugs)

 

Referenz

Ramols-Casals M et al, EULAR recommendations for the management of Sjögren`s syndrome with topical and systemic therapies. Ann Rheum Dis 2020; 79:3-18.

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