Betreuung von Rheumapatienten im Rahmen der SARS-CoV-2/COVID-19-Pandemie

Aktualisierte Handlungsempfehlungen der DGRh

11.06.2021

Die COVID-19-Pandemie stellt auch nach mehr als einem Jahr für Patienten mit entzündlich-rheumatischen Erkrankungen (ERE) als auch für Rheumatologinnen und Rheumatologen eine große Herausforderung dar. Die Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie e.V. (DGRh) vom März 2020 sollten eine erste, rasche Hilfestellung für spezielle Belange in der Betreuung von Patienten mit ERE angesichts der Bedrohung durch SARS-CoV-2 geben. Diese beruhten vor allem auf einem Expertenkonsens [1, 2, 3]. Bei der ersten Aktualisierung im Juli 2020 [4, 5] konnte bereits auf wissenschaftliche Daten aus Registern, Querschnittstudien, Fallberichten und Fallserien zurückgegriffen werden [6, 7]. Inzwischen haben wir weitere Erkenntnisse aus wissenschaftlichen Publikationen zur COVID-19 bei ERE, aus denen sich wesentlich genauere Aussagen zu krankheits- oder therapiebedingten Risiken ableiten lassen. Ein wichtiger Grund für eine erneute Aktualisierung der Handlungsempfehlungen ist die Tatsache, dass nun Impfungen gegen SARS-CoV-2 verfügbar sind und somit auch zunehmend Patienten mit ERE verabreicht werden. Dies wirft vielfältige Fragen auf, auch und gerade für Patienten mit ERE, aber auch für die diese betreuende Ärzteschaft und medizinisches Fachpersonal.

Für wen sollen diese Handlungsempfehlungen gelten?

Die hier gemachten Aussagen und Empfehlungen beziehen sich auf Patienten mit entzündlich-rheumatischen Erkrankungen (ERE), vor allem unter Berücksichtigung der medikamentösen antirheumatischen Therapie. Wo dies sinnvoll oder notwendig erscheint, werden auch Vergleiche zu SARS-CoV-2-Infektionen und COVID-19 in der Normalbevölkerung gemacht. Die Aussagen relativieren sich - zumindest teilweise – für ERE-Patienten, welche gegen COVID-19 geimpft wurden bzw. einen Infektionsschutz nach durchgemachter SARS-CoV-2-Infektion aufweisen. Es besteht aber noch keine Klarheit darüber, ob und wie ein Impferfolg oder ein Schutz nach durchgemachter Infektion mit ausreichender Aussagekraft untersucht werden kann und wann ggf. Auffrischimpfungen notwendig sind. Hinzuweisen ist auch darauf, dass diese Empfehlungen nicht alle Situationen abdecken können, welche im Einzelfall ein Abweichen hiervon rechtfertigen oder sogar nahelegen.

Die komplette Handlungsempfehlungen können Sie hier sehen.

Kernempfehlungen der DGRh für die Betreuung von Rheumapatienten im Rahmen der SARS-CoV-2/COVID-19-Pandemie

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1Patienten mit entzündlich-rheumatischen Erkrankungen (ERE) sollten zur Vermeidung von Infektionen die vom Robert Koch-Institut beschriebenen Verhaltens- und Vorsichtsmaßnahmen einhalten. Dies gilt auch für den Fall eines positiven SARS-CoV-2-IgG-Antikörper-Nachweises. Besonders, darüber hinaus gehende Maßnahmen sind nicht erforderlich.9,9 (±0,43)↑↑
2Zur Unterbrechung von Infektionsketten und Eindämmung einer neuen möglichen Infektionswelle kann Patienten der Einsatz der “Corona-Warn-App” oder vergleichbarer digitaler Anwendungen empfohlen werden.8,95 (±1,25)
3Das individuelle Risiko für eine Infektion oder einen schweren Krankheitsverlauf kann anhand allgemeiner (wie z.B. Alter, Multimorbidität, Adipositas, Rauchen) und krankheitsspezifischer (z.B. hohe Aktivität der ERE, schwere Systemerkrankung) Risikofaktoren abgeschätzt werden.9,43 (±0,85)↑↑
4Die Einleitung oder Umstellung antirheumatischer Therapien sollten aufgrund der COVID-19-Pandemie weder unterbleiben noch verzögert werden.9,9 (±0,43)↑↑
5Vor der Gabe von Rituximab sollte aufgrund des erhöhten Risikos für einen schweren COVID-19-Verlauf eine individuelle Nutzen-Risiko-Abwägung erfolgen und auch der Einsatz alternativer Therapien geprüft werden.9,6 (±0,53)↑↑
6Bei Patienten ohne Infektionszeichen, auch mit Kontakt zu SARS-CoV-2 positiven Personen, sollte die bestehende antirheumatologische Therapie unverändert fortgesetzt werden. Dies gilt auch für die Therapie mit Glukokortikoiden in der therapeutisch notwendigen Dosis.9,7 (±0,53)↑↑
7Bei mittels PCR positiv auf SARS-CoV-2 getesteten Patienten ohne Infektionszeichen sollte ein Pausieren bzw. hinauszögern einer ts- oder bDMARD-Therapie für die Dauer einer mitteleren Inkubationszeit einer SARS-CoV-2-Infektion (z.B. 5-6 Tage) erwogen werden. Prinzipiell sollten csDMARDs bei fehlenden Infektionszeichen nicht abgesetzt werden.9,38 (±0,72)↑↑
8Bei Patienten mit gesicherter, aktiver COVID-19 sollte die DMARD-Therapie pausiert, Leflunomid ggf. abgesetzt werden. Eine frühe Behandlung der rheumatologischen Erkrankung eingesetzte GC-Dauertherapie < 10 mg/d sollte in geplanter Dosierung fortgesetzt werden.9,1 (±0,85)↑↑
9Rheumatologen sollten bei der Entscheidung, die antirheumatische Therapie im Kontext von COVID-19 beizubehalten, rationale Gründe zur pausieren immer einbeziehen werden.9,43 (±0,85)↑↑
10Eine generelle Empfehlung für ein Screening von Patienten mit ERE auf SARS-CoV-2-Antikörper- oder nach durchgemachter Infektion kann aktuell aufgrund fehlender Daten zur Antikörperbildung und -persistenz (insbesondere unter Immunsuppression) nicht gegeben werden.9,43 (±1,21)↑↑
11Patienten mit ERE und positivem Test auf SARS-CoV-2 (PCR, Antigen-Schnelltest, Antikörpertest) sollten in dem “COVID-19 Register der DGRh” (COVID19-rheuma.de) dokumentiert werden.9,4 (±0,55)↑↑
12Patienten mit ERE sollten den Impfempfehlungen der STIKO folgend gegen SARS-CoV-2 geimpft werden.10 (±0)↑↑
13Allein aufgrund des Vorliegens einer ERE ergibt sich keine Bevorzugung eines der in Europa zugelassenen Impfstoffe. Mit dem Ziel einer raschen Immunisierung bei dringend notwendiger Rituximab-Therapie und bei Patienten über 60 Jahren mit gesichertem APS oder Immunthrombozytopenie sollte in diesen Situationen die Verwendung eines mRNA-Impfstoffes erwogen werden.9,48 (±0,55)↑↑
14Ein generelles Absetzen der DMARD-Therapie allein aufgrund der Impfung – da DMARDs und Immunsuppressiva die messbare humorale Immunantwort nach COVID-Impfung abschwächen können (wobei dies am deutlichsten Rituximab und am geringsten anti-Zytokin-Biologika betrifft) – wird nicht empfohlen, da nicht bekannt ist, inwieweit dies den tatsächlichen Impfstoffeffekt schwächt.9,71 (±0,55)↑↑
15Ein Pausieren von Methotrexat für 1-2 Wochen nach jeder Impfung, von JAK-Inhibitoren 1-2 Tage vor und 1 Woche nach jeder Impfung und von Abatacept je 1 Woche vor und nach jeder Impfung kann bei stabiler Remission der ERE erwogen werden, ist aber nicht zwingend notwendig. Eine gute Krankheitskontrolle ist gegenüber einer möglicherweise abgeschwächten Immunantwort im Kontext von Impfung vorrangig.9,1 (±0,92)
16Die Impfsserie sollte mit einem Abstand von mindestens 4 Monaten nach der letzten Rituximab-Mab-Gabe beginnen und Rituximab sollte idealerweise frühestens 4 Wochen nach Abschluss der Impfung gegeben werden. In Einzelfall kann bei Risikopatienten hiervon abgewichen werden.9,48 (±0,75)
17SARS-CoV-2-Antikörpertest sollten nicht regelmäßig zur Kontrolle des Impferfolgs bestimmt werden. Es ist noch nicht geklärt, inwieweit die Ergebnisse prädiktiv für den Schutz vor Infektion oder Erkrankung sind.9,48 (±0,79)

Quellen

  1. Schulze-Koops H, Holle J, Moosig F, et al. Aktuelle Handlungsempfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie für die Betreuung von Patienten mit rheumatischen Erkrankungen während der SARS-CoV 2/Covid 19-Pandemie Z Rheumatol. 2020 May;79(4):385-388.doi: 10.1007/s00393-020-00799-y. PMID: 32342184; PMCID: PMC7184809.
  2. Schulze-Koops H, Specker C, Iking-Konert C, Holle J, Moosig F, Krueger K. Preliminary recommendations of the German Society of Rheumatology (DGRh eV) for the management of patients with inflammatory rheumatic diseases during the SARS-CoV-2/COVID-19 pandemic. Ann Rheum Dis. 2020 Jun;79(6):840-842. doi: 10.1136/annrheumdis-2020-217628. Epub 2020 Apr 28. PMID: 32345619; PMCID: PMC7298662.
  3. Schulze-Koops H, Krueger K, Specker C. No advice to discontinue antirheumatic therapy for non-medical reasons in light of SARS-CoV-2. Response to: 'Treatment adherence of patients with sytemic rheumatic diseases in COVID-19 pandemic' by Fragoulis et al. Ann Rheum Dis. 2020 May 31:annrheumdis-2020-217987. doi: 10.1136/annrheumdis-2020-217987. Epub ahead of print. PMID: 32475833.
  4. Schulze-Koops H, Iking-Konert C, Leipe J, Hoyer BF, Holle J, Moosig F, Aries P, Burmester G, Fiehn C, Krause A, Lorenz HM, Schneider M, Sewerin P, Voormann A, Wagner U, Krüger K, Specker C; Kommission Pharmakotherapie; Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie. Handlungsempfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie e. V. für die Betreuung von Patienten mit entzündlich rheumatischen Erkrankungen im Rahmen der SARS-CoV-2/COVID-19-Pandemie – Update Juli 2020 Z Rheumatol. 2020 Sep;79(7):679-685. doi: 10.1007/s00393-020-00851-x.PMID: 32757030; PMCID: PMC7403789.
  5. Schulze-Koops H, Krüger K, Hoyer BF, Leipe J, Iking-Konert C, Specker C; Commission for Pharmacotherapy and the Board of Directors of the German Society for Rheumatology. Updated recommendations of the German Society for Rheumatology for the care of patients with inflammatory rheumatic diseases in times of SARS-CoV-2 - methodology, key messages and justifying information. Rheumatology (Oxford). 2021 Jan 27:keab072. doi: 10.1093/rheumatology/keab072. Epub ahead of print. PMID: 33502500.
  6. Hasseli R, Mueller-Ladner U, Schmeiser T, Hoyer BF, Krause A, Lorenz HM, Regierer AC, Richter JG, Strangfeld A, Voll RE, Pfeil A, Schulze-Koops H, Specker C. National registry for patients with inflammatory rheumatic diseases (IRD) infected with SARS-CoV-2 in Germany (ReCoVery): a valuable mean to gain rapid and reliable knowledge of the clinical course of SARS-CoV-2 infections in patients with IRD. RMD Open. 2020 Sep;6(2):e001332. doi: 10.1136/rmdopen-2020-001332. PMID: 32878994; PMCID: PMC7507994.
  7. Leipe J, Hoyer BF, Iking-Konert C, Schulze-Koops H, Specker C, Krüger K. SARS-CoV-2 & Rheuma : Konsequenzen der SARS-CoV-2-Pandemie für Patienten mit entzündlich rheumatischen Erkrankungen. Ein Vergleich der Handlungsempfehlungen rheumatologischer Fachgesellschaften und Risikobewertung verschiedener antirheumatischer Therapien. Z Rheumatol. 2020 Sep;79(7):686-691. German. doi: 10.1007/s00393-020-00878-0. Epub 2020 Aug 26. PMID: 32845393; PMCID: PMC7448266.
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